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Waldbaden und seine Wirkung auf Körper und Seele

Waldbaden – Was verbirgt sich eigentlich dahinter? Unsere Kollegin Bettina Bester bietet Waldbaden in den Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk an und gibt uns einen Einblick in die Kraft und heilende Wirkung der Natur.

16.10.2023 | Allgemein

Shinrin Yoku kommt aus dem Japanischen und bedeutet „Eintauchen in die Waldatmosphäre“. Bei uns wird dies als Waldbaden bezeichnet. Ich habe ein sehr schönes Buch über dieses Thema gelesen und möchte gern daraus zitieren: „Indem wir in den Wald gehen, uns der Entschleunigung hingeben und die Natur mit allen Sinnesorganen erleben, können wir unseren Körper kräftigen, unseren Geist beruhigen und unser Herz staunen lassen“ Anette Lavrijsen (2008): Shinrin Yoku Waldbaden / Die Heilende Kraft der Natur, S. 9-10.

Was bedeutet das für uns?

Anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien konnte der japanische Medizinprofessor Qing Li mit seinem Team herausfinden, dass Waldbaden die Gesundheit auf vielfache Weise fördert.

Gehen wir nun im Wald spazieren, atmen wir die angenehme, frische, staubarme und sauerstoffreiche Waldluft ein. Die Bäume senden Duftstoffe aus, die sogenannten Terpene, und kommunizieren untereinander damit. Gleichzeitig reagieren diese Duftstoffe mit unserem Immunsystem und schützen unseren Körper vor freien Radikalen.

Der Waldboden, auf dem Sie gehen, entlastet durch seine rückfedernde Wirkung Ihre Gelenke. Es wird viel angenehmer sein, sich auf dem Waldboden fortzubewegen, als in der Stadt auf Asphalt. Der Wald wird auch den Straßenlärm schlucken und so können wir völlig andere Geräusche wahrnehmen und entdecken. Sie können ihren Blick z.B. im Wald schweifen lassen und sich an den unterschiedlichen Grüntönen erfreuen. Dies hat wiederum eine Wirkung auf ihr Wohlbefinden: der Blutdruck und die Anzahl der Stresshormone sinken. Sie können sich der Entschleunigung hingeben und ihre Sinne für Neues öffnen.

Vielleicht können Sie sich nach dem Waldbaden besser konzentrieren, haben weniger Kopfschmerzen oder fühlen sich einfach im Ganzen wacher, freier und entspannter.

„Schau tief in die Natur, und dann wirst du alles besser verstehen.“ (Albert Einstein)

In der Therapie kann das Waldbaden wunderbar genutzt werden. Hier können die Patient:innen durch die Zeit im Wald ihre Wahrnehmung schulen, indem sie ihre Sinne durch verschiedene äußere und innere Reize öffnen. Sie haben die Möglichkeit, durch verschiedene Blickwinkel die Augen zu entspannen und so einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Gleichzeitig können sie bei bestimmten Übungen neue Blickwinkel einnehmen und diese in den Alltag übertragen. Sie können im besten Fall ihren Fokus verändern.

Ein großes Thema unserer Zeit ist die Achtsamkeit. Achtsam mit sich und der Umwelt umzugehen, halte ich für ein ungemein wichtiges Ziel. Eigenverantwortung zu spüren und umzusetzen, wäre ein großer Nutzen für unsere Patient:innen. Des Weiteren können sie so versuchen, wahrzunehmen, ohne zu bewerten.

Hektik und Stress möchte ich durch das Waldbaden entgegenwirken. Das Zauberwort heißt in diesem Fall „Entschleunigung“. Im Geist, in der Bewegung und in der Seele. Spüren, wie es sich anfühlt, langsamer zu gehen, die Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen. Zu Atmen. Die Stille zu genießen. Auch mal Pausen machen zu dürfen. Wahrnehmen, was alles um einen herum ist, was die Patient:innen sonst gar nicht sehen oder hören.

Neue Dinge mit den Händen spüren, etwas sehen, was unsere Patient:innen vorher noch nie gesehen oder auch gehört haben. Die kindliche Neugierde kann durch ein Waldbad geweckt werden und löst ein freudiges Gefühl aus. Gleichzeitig kann sich die Abneigung gegen Veränderung oder neue Dinge abwandeln. Vielleicht werden die Patient:innen im Alltag offener.

Ein weiteres sehr wichtiges Thema ist das Vertrauen. Dieses Thema spielt bei unseren Patient:innen eine sehr große Rolle. Sie haben oft kein Vertrauen in sich selbst und sind oft misstrauisch. Ich spüre, dass sie sich beim Waldbaden öffnen, meistens eine andere Haltung einnehmen und ihre Gesichter oft entspannter sind. Sie spüren, dass sie in unserer Therapieeinheit nichts leisten müssen und machen doch so wichtige Erfahrungen. Spielerisch durch Übungen erkennen, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Nur das, was in diesem Augenblick wichtig ist, ihre Erfahrung im Hier und Jetzt. Auch kurze Momente der Solo-Zeit sind hier wichtig.

Viele Patient:innen trauen sich nicht alleine raus oder in einer vollen S-Bahn mitzufahren. Zeit im Wald schafft Vertrauen, dass sie viel mehr bewerkstelligen können, als sie glauben. Im besten Fall nehmen sie die Waldbilder und -momente mit in den Alltag.

Einige meiner Patient:innen gehen nur sehr selten an die frische Luft und sind die meiste Zeit in ihrem Zimmer. Aus diesem Grund trägt das Waldbaden sehr zu ihrer Gesundheitsförderung bei. Es steigert die Aktivität im Körper und im Geist, die Durchblutung wird gefördert und sie nehmen frische Waldluft zu sich. Die meisten Patient:innen geben auch an, dass sie endlich frei durchatmen können.

Zusätzlich werden sie durch die positiven Erlebnisse in der Natur angespornt, selbständig zu versuchen, rauszugehen.

Genießen Sie den nächsten Waldspaziergang und erfreuen Sie sich an der Natur!