Interview

Milka bekommt tierische Unterstützung

Ein Interview mit Kathrin Wachholz und Thomas Grabowski zur Tiergestützten Intervention (TGI) & Theos Farm

Im April eröffnet in den Kliniken des TWW ein deutschlandweit einzigartiges Projekt: Theos Farm. Damit wird die tiergestützte Intervention um Hühner und Kaninchen erweitert und bietet unseren Patient:innen ein ganz neues tier- und naturgestütztes Behandlungskonzept. Was genau es damit auf sich hat, erklären uns Kathrin Wachholz, Fachkraft für tiergestützte Intervention, und Thomas Grabowski, Genesungsbegleiter, im Interview.

 

THEO: In den Kliniken gibt es seit einigen Jahren die Tiergestützte Intervention (TGI) mit der Hündin Milka. Ein Interview dazu hatten wir bereits 2019 geführt (THEO Ausgabe 02/19). Erläutert doch bitte noch einmal kurz, was es mit der TGI auf sich hat.

K. Wachholz: Dieser Begriff beinhaltet diverse tiergestützte Einsatzfelder. Im TWW konzentrieren wir uns auf die tiergestützte Förderung, das heißt, dass die Arbeit über und mit dem Tier die Ressourcen und Resilienzen unserer Patient*innen fördert und stärkt. So haben die Betroffenen die Möglichkeit, ihre „gesunden Anteile“ wiederzuentdecken und im Genesungsprozess zu nutzen. Das kann von einem Moment, in dem positive Emotionen wahrgenommen werden, über Achtsamkeit, Selbstreflektion, Stärkung des Selbstwertgefühls, bis hin zur Übernahme von Verantwortung und Reduktion physischer und psychischer Beschwerden reichen.

 

THEO: Milka kommt ja als Therapiehund direkt zu den Patient:innen. Wie kam es zu der Idee, eine Farm als Begegnungsstätte auf die Beine zu stellen?

K. Wachholz: Während meiner Weiterbildung zur Fachkraft für TGI 2018 hörte ich das erste Mal von Mensch-Tier-Begegnungsstätten und war sofort fasziniert von dieser Idee. Bereits zu dieser Zeit wuchs der Wunsch in mir, eine solche Stätte im TWW zu errichten und ich befasste mich nach und nach mit den Anforderungen und Möglichkeiten der Umsetzung.
Im Dezember 2019 lernte ich dann Thomas auf der Jobmedi kennen. Da er großes Interesse an der TGI hatte und selbst schon tiergestützte Aktivitäten mit seinem Hund durchführte, hospitierte er einige Wochen bei Milka und mir. Ziemlich schnell war klar, dass er sich für die Arbeit mit unserer Patientenklientel, aber auch für die „Vision von einer Begegnungstätte“ stark begeisterte. Die Tatsache, dass er gelernter Fachtierpfleger ist, was eine von vielen Auflagen für die Umsetzung dieser Idee war, ließ das Vorhaben machbarer erscheinen.
Hinzu kam, dass Bastian Wichmann (Pfleger der Station 4, Anm. der Redaktion) großes Interesse zeigte, mit Patient*innen gartentherapeutisch zu arbeiten. Dies führte er schon eine geraume Zeit auf der Station 4 durch und absolviert nun eine Weiterbildung zum Gartentherapeuten. Da lag es sehr nahe, ihn mit ins Boot zu holen.
T. Grabowski: Als Tiernarr faszinierte mich Milka sofort. Als ich von Kathrins Vision einer Begegnungsstätte hörte, war ich schnell Feuer und Flamme und setzte meine Kenntnisse in der Erstellung eines „Bauplanes“ ein. Im November 2020 habe ich dann meinen Arbeitsvertrag im TWW unterschrieben und hängte mich noch 120 % mehr in das Projekt.

Inhaltlich geht es darum, mit, für und über Tiere und Pflanzen in Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen.

 

THEO: Man spürt eure Motivation und Begeisterung für das Thema. Welches Angebot kann denn den Patient:innen und Mitarbeitenden mit der Farm unterbreitet werden?

K. Wachholz: Theos Farm wird vielfältige Möglichkeiten anbieten. Wir werden ein naturtherapeutisches Angebot machen. Wir werden Gruppen- und Einzelbetreuung anbieten. Inhaltlich wird es darum gehen, mit, für und über Tiere und Pflanzen in Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen.
Die Farm wird aber auch für andere Berufsgruppen zugänglich sein. So ist vorstellbar, dass Psycholog:innen mit ihren Patient:innen dort Einzelgespräche führen, oder Physiotherapeut:innen dort eine Gangschule mit Patient*innen machen.
Es wird in regelmäßigen Abständen den „Tag der Begegnung“ geben, an dem Patient:innen mit ihren Angehörigen oder ihrem Besuch dort verweilen können. Es kann aber auch ein Ort sein, an dem Mitarbeitende ihre Kaffeepause verbringen und mal abschalten können. Auch diesbezüglich gibt es so viele Ideen und Visionen von Farmprojekten und Nutzungsmöglichkeiten. Und das sind nur Ideen, die in ein paar wenigen Köpfen entstanden sind. Es werden sicher noch viele Vorschläge von anderen Kolleg:innen kommen.
T. Grabowski: Als Genesungsbegleiter und Fachtierpfleger kann und werde ich beide Ausbildungen einsetzen, um Patient:innen zu aktivieren. Sie können dann unter meiner Anleitung die Tiere verpflegen oder auch die Stallungen reinigen. Sie bekommen so ein Gefühl der Verantwortung und können dadurch Strukturierungen ihres Tagesablaufes erlernen oder wiedererlangen.
K. Wachholz & T. Grabowski: Im Großen und Ganzen soll die Farm ein Ort des Wohlfühlens, der Begegnung und Ressourcenförderung sein.

Abgesehen von den fördernden Aspekten bietet die Farm den Patient:innen die Möglichkeit, den Klinikalltag und -aufenthalt als etwas weniger trist und belastend wahrzunehmen.

 

THEO: Ein sehr vielseitiges Projekt, welches mit Sicherheit großen Anklang finden wird. Welche Vorteile können sich denn konkret für die Patient:innen ergeben?

K. Wachholz: Abgesehen von den fördernden Aspekten bietet die Farm den Patient:innen die Möglichkeit, den Klinikalltag und -aufenthalt als etwas weniger trist und belastend wahrzunehmen. Es werden sich tolle Gesprächsinhalte ergeben, die abseits von Diagnosen und Symptomen sein werden. Patient:innen können mit ihren Angehörigen gemeinsam die Tiere und die Farm erkunden, insbesondere wenn Kinder dabei sind. Außerdem könnte der sogenannte „Psychiatriestempel“ dadurch etwas verblassen und Angst und Vorurteile reduzieren.
T. Grabowski: Die Möglichkeiten durch mich als Genesungsbegleiter und Fachtierpfleger sind vielseitig. Zum einen können die Patient:innen ihre Tagesstruktur wiedererlangen und zum anderen ihr Verantwortungsbewusstsein stärken. Die Farm bietet uns Genesungsbegleiter*innen einen Ort, an dem wir mit Patient:innen in Ruhe unseren Kontakt aufbauen können und schafft eine Umgebung, die Patient:innen nicht an eine Klinik erinnert.

 

THEO: So eine Farm heißt ja auch viel Verantwortung den Tieren gegenüber. Wie stellt ihr sicher, dass die Tiere durchgehend gut versorgt sind und welche Tiere ziehen überhaupt ein?

K. Wachholz: Am 27. März werden drei deutsche Riesen und am 28. März acht Hühner (zwei gestruppte Zwergpaduaner, zwei Orpington und vier Sundheimer) einziehen. Unser Fachtierpfleger Thomas und natürlich auch ich, werden hauptsächlich für die Versorgung der Tiere zuständig sein. Ein weiterer, engerer Kreis von Kolleg:innen wird mit der Versorgung vertraut gemacht, um Thomas oder mich bei Abwesenheit zu vertreten.
T. Grabowski: Die Deutschen Riesen, Rassefarbe Japaner WO BAT, habe ich bei mir bekannten Züchtern „gefunden“. Sie sind beim Einzug in unserer Farm sechs Monate alt. Von der Züchterin sind sie von Anfang an an die Hand gewöhnt, was uns in der TGI zugutekommen wird.

 

THEO: Das Areal der Farm liegt ja etwas versteckt zwischen Haus 7 und Haus 9. Was konnte dort aufgebaut werden?

K. Wachholz: In diesem Areal steht ein Hühnerhaus mit Voliere, ein Hasenstall, drei Hochbeete zur Gartentherapie, ein überdachtes Areal für Interventionen sowie eine Futterküche und Lagerraum.

THEO: Die Farm wird ja sicherlich begrenzte Öffnungszeiten haben. Wie stellt ihr sicher, dass nicht alle auf einmal zu den Tieren möchten?

T. Grabowski: Patient:innen können die Farm nur in Begleitung von uns oder mit unterwiesenem Personal die Farm betreten. Es wird einen Plan geben, wer wann die Farm nutzen kann, um einen Massenauflauf zu verhindern – was den Tieren Stress verursachen würde. Das Wohl der Tiere ist immens wichtig.

 

THEO: Solche Projekte nehmen oft viel Zeit in Anspruch, da bürokratische und rechtliche Vorgaben, gerade in Verbindung mit Tieren, eine Hürde darstellen können. Wie lang hat es bis zur Fertigstellung gedauert und wie steinig war der Weg bis dahin?

K. Wachholz: Circa 3,5 Jahre. Hürden gab es mehr als genug. Mehrere Abteilungen mit ihren Mitarbeitenden der Klinik waren natürlich an der Umsetzung beteiligt. Es gab viele mutmachende, aber auch frustrierende Treffen und Gespräche. In diesem Projekt stecken unzählige Stunden Arbeit, Schweiß und auch Nerven aller Beteiligten.
Anfänglich wollten wir mit Ziegen und Hühnern arbeiten, alles war ziemlich gut geplant. Dann bekamen wir die Nachricht, dass wir das vorgesehene Gelände, welches groß genug für die Ziegen gewesen wäre, nicht für diesen Zweck nutzen können, da dies baurechtlich nicht möglich war.
Für uns alle war das eine völlig neue Erfahrung, da niemand von uns ein solches Projekt je begleitet oder aufgebaut hat.
T. Grabowski: Viel zu lange. Ich habe von Anfang an voll mit in dem Projekt gesteckt. Die Visionen und Vorstellungen, die wir beide hatten wurden immer wieder von Vorschriften und Gesetzen zunichte gemacht. Trotz dieser immer wiederkehrenden Niederlagen hat es uns nie den Mut genommen, neue Pläne zu schmieden. Schlussendlich ist nun eine Farm entstanden, die allen und allem gerecht wurde.

THEO: Hühner legen ja bekanntlich Eier. Weiß man schon, was damit gemacht werden darf?

K. Wachholz & T. Grabowski: Das werden wir tatsächlich sehr oft gefragt.
K. Wachholz: Also wenn es soweit ist, werde ich mich mal beim Veterinäramt erkundigen, ob die Eier von uns Mitarbeitenden verspeist werden dürfen, die hygienischen Auflagen sind wirklich sehr sehr streng und vielfältig.
Wenn das dann so geschehen darf, werden wir sicher keinen „Eierstau“ im Stall haben (lacht).
T. Grabowski: Laut Verordnung kann man Hühnereier verkaufen bzw. verschenken (also „in Verkehr bringen“), wenn es sich um eine Hobbyhaltung handelt – was ja bei uns der Fall ist. Aber wie Kathrin bereits sagte, ist die Verordnung an der Tür zur Klinik manchmal komplett anders. Das haben wir ja schon bei der Haltung der Tiere erfahren.

 

THEO: Liebe Kathrin, lieber Thomas, wir danken Euch sehr für das Gespräch und wünschen Euch viel Erfolg mit Theos Farm!

An dieser Stelle sei ausdrücklich auch allen
beteiligten Kolleginnen und Kollegen aus der Zentrale und der Klinik für die Umsetzung des Projekts gedankt!

Das Interview für den THEO führte Laura Höhne.

07.04.2022 | Interview