Interview

Das Eigenständige Medikamentenmanagement

Auf der psychiatrischen Station 2 der Kliniken im TWW haben Ralf Pfennig, Krankenpfleger für Psychiatrie, und Thomas Lindwedel, Stationsleitung, das Eigenständige Medikamentenmanagement entwickelt und eingeführt. Im Interview mit dem THEO berichten die beiden von dem Prozess der Idee bis zur Umsetzung.

 

Thomas Lindwedel & Ralf Pfennig

Der THEO: Lieber Thomas, lieber Ralf, auf der Station 2 – eurer Station – wurde das Eigenständige Medikamentenmanagement eingeführt. Was hat die Veränderung bei der Vergabe von Medikamenten nötig gemacht?

R.Pfennig: Die Pflege übernimmt in der stationären psychiatrischen Versorgung traditionell vielfältige Aufgaben im Medikamentenmanagement. Gewöhnlich stellt sie die Medikamente, kontrolliert diese auf Richtigkeit und gibt sie an die Patient:innen aus. Dabei werden die Medikamente so verabreicht, dass bei der Ausgabe gleichzeitig auch eine Kontrolle über die Einnahme stattfindet. Wohl jede psychiatrische Pflegefachkraft wird schon erlebt haben, wie jemand mit weit aufgerissenem Mund, gar herausgestreckter Zunge, auf diese Art der Kontrolle und Bevormundung reagiert hat.

T. Lindwedel: Wichtig erschien uns, dass wir unseren Patient:innen vertrauen, so wie sie uns auch vertrauen – daher eben die eigenständige Medikamenteneinnahme.

R. Pfennig: Fragen, wie die folgenden, kamen eben auch von Kolleg:innen aus der Pflege: Warum begegnen wir Menschen mit Misstrauen, die oft selbst schon misstrauisch sind? Wieso können nicht alle Patient:innen, wie in somatischen Krankenhäusern oft üblich, ihre Medikamente für den Tag in einem Dispenser ausgehändigt bekommen?

Mit diesem Angebot sollen Autonomie, Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit der Patient:innen gefördert werden.

Der THEO:  Welche Vorteile bietet dieses Vorgehen den Patient:innen?

R. Pfennig: Mit diesem Angebot sollen Autonomie, Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit der Patient:innen gefördert werden. Dazu zählt auch, dass sie ihre Medikamente selbst stellen und das in einem sogenannten Medikamententraining lernen. Viele Menschen kommen zu uns, die daheim ihre Medikamente ja auch selbständig einnehmen und verwalten. Diese Kompetenz sollte ihnen dann mit einem Klinikaufenthalt nicht genommen werden – das wäre ein Rückschritt.

 

Der THEO: Die Umsetzung eines solchen Projekts erfordert viel Kommunikation und Geduld. Wie gestaltete sich der Weg vom Konzept bis zur konkreten Umsetzung und wie kam der Plan bei euren Kolleg: innen an?

T. Lindwedel: Im Pflegeteam spürte ich einen echten Veränderungswunsch. Während eines Konzepttages erhielten wir für diese Idee von allen Seiten große Zustimmung.

R. Pfennig: Bei einer zweiten Vorstellung in einem kleineren Team wurde kontroverser gesprochen. Bedenkenträger:innen meldeten sich zu Wort. Jede Medikamentengabe ist auch eine Kontaktaufnahme, diese würde sich reduzieren, bzw. müsste anders kompensiert werden. Auch erfolgt weniger Kontrolle über die Medikamenteneinnahme. Wann und wie spreche ich Patient: innen drauf an, ohne kontrollierend, sondern unterstützend zu wirken? Nicht alle werden den Dispenser auf dem Nachtschrank liegen haben. Und wie gehen wir damit um, wenn Patient:innen kommen und sagen, sie haben eine Tablette verloren oder es fehlen welche, die vorher da waren?

T. Lindwedel: In Pflegeteamsitzungen wurde ernsthaft diskutiert, und ich habe das Thema mit jeder Pflegefachkraft einzeln besprochen. Die enge Absprache mit den Ärzt:innen erbrachte neue Gedanken für die Umsetzung. Die Bedenken und Widerstände einiger Kolleg:innen halfen mir, Hürden zu erkennen und zu beseitigen. Das von uns benötigte Material konnte ich sehr einfach über den Einkauf bestellen.

 

Der THEO:  Das Projekt ist neuartig in der Psychiatrie und könnte sicher auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden. Habt ihr Rückmeldungen von euren Kolleg:innen erhalten?

R. Pfennig: Unsere Ergotherapeutin merkte an, sie habe gar nicht geahnt, wie komplex das Thema der Medikamentenausgabe sei. Psychiatrische Pflegefachkräfte aus anderen Häusern meldeten uns zurück, so ein Projekt wäre auf ihrer Station undenkbar.

T. Lindwedel: Unsere Genesungsbegleiterin – mit ihrem besonderen Erfahrungswissen – begrüßt ausdrücklich das Projekt.

 

Der THEO: Die Umsetzung während des Stationsbetriebs erfordert viel Einfühlungsvermögen. Wie wurden die Patient:innen der Station in die Umsetzung mit eingebunden?

T. Lindwedel: Ich sprach zunächst vereinzelt Patient:innen an und auch von ihnen erhielt ich positive Rückmeldungen. Der nächste Schritt war der Gedankenaustausch mit allen Patient:innen im Rahmen der Stationsrunde, die Gruppe für die offene Kommunikation zwischen Patient: innen und Mitarbeiter:innen. Die Patient:innen äußerten keine Bedenken, auf somatischen Stationen sei das schließlich auch Alltag.

R.Pfennig: Ich habe mit einer älteren Patientin gesprochen, die schon mehrmals bei uns war, und ihr von der geplanten Änderung erzählt. Dabei erwähnte sie, dass sie, wenn sie am Wochenende im Belastungsausgang über Nacht gewesen sei und dann am Montag die routinemäßige Blutentnahme erfolgte, geglaubt habe, wir würden die Entnahme vornehmen, um zu sehen, ob sie auch ihre Medikamente genommen habe, die sie von uns mitbekam.

DER THEO: Auf der Station 2 begegnet man verschiedenen psychiatrischen Krankheitsbildern. Ist diese Art der selbstbestimmten Medikamenteneinnahme für jede/n Patient:in geeignet?

R. Pfennig: Grundsätzlich ist das Vorgehen für alle geeignet. Es gibt aber Ausnahmen. Klare Kriterien wären: kognitiv nicht in der Lage zu sein, wie zum Beispiel bei einer Demenz, kognitive Defizite im Rahmen einer schweren Depression oder unter psychotischer Symptomatik.

T. Lindwedel: Oder körperlich nicht in der Lage sein, wie bei einer Sehbehinderung.

R. Pfennig: Auch die Gabe von Diazepam bei der Entgiftung oder stündliche Sichtungen bei Suizidalität stehen dem genauso entgegen wie nicht vorhandene Absprachefähigkeit im Rahmen der Erkrankung oder unsere Erfahrungen während der Behandlung.

Tagsüber kommen die Patient: innen zu uns und holen ihre Medikamente zum verabredeten Zeitpunkt ab. Wenn jemand dies häufig vergaß und wir ihn oder sie daran erinnern mussten, kann das ein Ausschlusskriterium sein.

T. Lindwedel: Muss aber nicht. Die Ausnahmen werden multiprofessionell besprochen und festgelegt.

 

Der THEO: Wird beim Eigenständigen Medikamentenmanagement jede Form von Medikament ausgegeben?

R.Pfennig: Alle in Tablettenform, mit Ausnahme von Medikamenten nach dem Betäubungsmittelgesetz. Diese werden weiter direkt vor der Einnahme ausgegeben, wie auch alle Arten von flüssigen Medikamenten.

Ralf Pfennig mit einem leeren Dispenser

Der THEO:  Könnt ihr kurz erklären, wie der Alltag so einer Medikamentengabe aussieht?

R. Pfennig: Der Nachtdienst stellt die Medikation. Der Frühdienst kontrolliert für den ganzen Tag. Beim ersten Rundgang erfolgt die Ausgabe der vorbereiteten Dispenser. Tagesaktuelle Änderungen werden nach der ärztlichen Anordnung im Dispenser des Tages vorgenommen. Der Spätdienst sammelt bei der letzten Runde die nun leeren Dispenser wieder ein.

T. Lindwedel: Die Dokumentation für gestellt, kontrolliert und ausgegeben läuft wie bisher. Sollten am Abend Dispenser abgegeben werden, in denen sich die Medikation noch befindet, erfolgt ein dementsprechender Vermerk. In solch einem Fall geht die Pflegefachkraft in den Patient:innenkontakt.

R. Pfennig: Ein Medikamententraining wird auch im Rahmen der Entlassungsplanung angeboten. Allen soll es ermöglicht werden, selbst die Medikamente zu stellen. Dies erfolgt im Beisein und gegebenenfalls mit Unterstützung einer Pflegefachkraft. Dazu wird ein aktueller Medikamentenplan ausgehändigt.

 

Der THEO: Gibt es etwas was ihr uns ergänzend zum Projekt mitteilen möchtet?

R. Pfennig: Erstens, dies ist ein Angebot. Es muss nicht angenommen werden. Zweitens, Projekte sind nie fertig, sie entwickeln sich durch die Praxis.

 

Der THEO: Wann habt ihr mit der Umsetzung mit dem Eigenständigen Medikamentenmanagement begonnen?

T. Lindwedel: Nach Klärung der wichtigsten Eckpunkte, startete ich das Projekt im Januar 2022. Die Umstellung lief fast geräuschlos. Gerade in der Anfangsphase achtete ich sehr auf die Details.

 

Der THEO: Wie sind eure ersten Erfahrungen mit diesem Vorgehen, gab es Probleme?

R. Pfennig: Es kam zu weniger Problemen als befürchtet. Häufig wurden individuelle Lösungen gefunden. So stellte eine Patientin ihre internistischen Medikamente selbst und bekam von uns nur ihre psychiatrischen gestellt. Bei ihr fand der Dispensertausch schon am Vorabend statt.

T. Lindwedel: Wir haben blaue und weiße Dispenser angeschafft, um einen schnellen Überblick zu bekommen. Wobei die weißen Dispenser für das Eigenständige Medikamentenmanagement stehen und die Blauen für das Bisherige.

R. Pfennig: Die Idee dazu entwickelte sich erst bei der Umsetzung. An so etwas hatte vorher niemand gedacht.

T. Lindwedel: Des Weiteren haben wir Stempel eingesetzt, um in der Patient:innenkurve darzustellen, ob das bisherige oder das Eigenständige Medikamentenmanagement genutzt wird.

R. Pfennig: Leider vergaßen wir am Anfang die Festlegung „eigenständig“ oder „Ausgabe durch Pflegepersonal“ schon bei der Aufnahme durchzuführen und anstehende Änderungen zeitnah umzusetzen. Hier soll die gute Zusammenarbeit mit unserem Stationsarzt erwähnt werden.

Eine kleine Umfrage ergab, dass wohl in anderen psychiatrischen Kliniken bisher keine ähnlichen Projekte liefen. Somit konnten wir vom Wissen Anderer nicht profitieren und leisteten Pionierarbeit.

Der THEO: Das Eigenständige Medikamentenmanagement ist in der Psychiatrie der Kliniken im TWW neu. Wie sieht es außerhalb des TWW auf psychiatrischen Stationen anderer Kliniken aus? Habt ihr diesbezüglich Rückmeldungen?

T. Lindwedel: Eine kleine Umfrage ergab, dass wohl in anderen psychiatrischen Kliniken bisher keine ähnlichen Projekte liefen. Somit konnten wir vom Wissen Anderer nicht profitieren und leisteten Pionierarbeit.

 

Der THEO: Seit dem Start des Projekts im Januar habt ihr ja schon Erfahrungen sammeln können. Könnt ihr uns ein Beispiel für die gelungene Anwendung, bzw. Implementierung des Eigenständigen Medikamentenmanagements nennen?

R. Pfennig: Ich denke da an eine junge Patientin, die mit einer psychotischen Symptomatik zu uns kam. Sie war erst etwa ein halbes Jahr vorher von einer anderen Station entlassen worden und ihr wurde damals empfohlen, eine angesetzte neuroleptische Medikation in der Häuslichkeit weiterhin einzunehmen. Aus einer Abneigung gegen die Medikation heraus hat sie sie schon bald nicht mehr eingenommen. Wir schenkten ihr das Vertrauen und gaben auch ihr die Medikation für den Tag aus. Anfangs waren es sechs Tabletten. Es kam nun vor, dass am Abend noch eine im Dispenser lag. Manchmal nahm sie sie dann noch ein. Ich glaube auch, weil sie spürte, dass die Wirkung ihren Zustand verbesserte. Sie konnte aber auch den Zeitpunkt der Einnahme ihren Bedürfnissen und ihrer Tagesstruktur anpassen. Die Anzahl der Tabletten nahm im Laufe der Genesung ab, die Einnahme wurde zuverlässiger. Ich sprach mit ihr über die Medikation, auch über die Handhabung in der Klinik und danach. Sie würde schon gern ohne Medikamente leben, betonte sie, aber auch, dass sie darüber mit dem weiterbehandelnden Arzt sprechen würde. Ich glaube, dass wir ihr Zeit gaben und Vertrauen schenkten, hat ihr geholfen beim Umgang mit ihrer ungeliebten Medikation. Dies ist ja auch ein Lernprozess und der benötigte unsere sanfte Unterstützung. Ob es ein langfristiger Erfolg ist, werden wir vielleicht nie erfahren. Leider.

T. Lindwedel: Ich erhob wöchentlich eine Stichprobe über die Teilnahme am Eigenständigen Medikamentenmanagement. Dabei zeigte sich, dass im Durchschnitt 80 bis 85 % aller Patient:innen teilnahmen, was für uns den gewünschten Erfolg aufzeigte.

R. Pfennig: Das Projekt wird auch wissenschaftlich begleitet. Einerseits um zu überprüfen, ob die gewünschte Wirkung bei den Patient:innen – Autonomie, Einstellung zu Medikation – auch tatsächlich eintritt und andererseits, um die Einschätzung der Mitarbeitenden weiterhin mit im Blick zu haben.

 

Der THEO: Habt vielen Dank für den Einblick in dieses Projekt! Wir wünschen euch und eurem Team, aber vor allem auch unseren Patient:innen, weiterhin alles Gute und viel Erfolg für die Umsetzung.

14.09.2022 | Interview