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Waldbaden

Waldbaden als pflegetherapeutisches Gruppenangebot in den Kliniken im TWW

Eric Böge ist als Gesundheits- und Krankenpfleger für Psychiatrie auf der Station 2 in den Kliniken tätig. Im Rahmen einer Fachweiterbildung entwickelte er ein Praxisprojekt mit dem Ziel, neue pflegetherapeutische Gruppenaktivität für die Patienten der Station 2 anzubieten und gegebenenfalls längerfristig zu etablieren. Über das daraus entstandene Erfolgsprojekt des „Waldbadens“ möchten wir an dieser Stelle gerne berichten

von Eric Böge

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Das Element Gruppenarbeit besitzt eine enorme Wichtigkeit in der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen. Es kann Selbsthilfemöglichkeiten erweitern, zwischenmenschliche Beziehung fördern, der Weitergabe von Informationen dienen, hoffnungsvolle Atmosphäre herstellen, Isolation verhindern oder beenden, Beziehungsaufbau zu anderen Teilnehmern ermöglichen und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Ich, Eric Böge, wollte mit dem Praxisprojekt das pflegetherapeutische Gruppenangebot der Station 2 erweitern. Bei der Ideenfindung setzte ich mich mit folgenden Fragen auseinander: Wovon könnten die Patienten profitieren und was kann man in unmittelbarer Kliniknähe anbieten, um den zeitlichen Umfang nicht zu weit auszudehnen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Patienten meiner Station gerne das Angebot eines gemeinsamen Spaziergangs wahrnehmen. Besonders Patienten, die aufgrund ihres aktuellen Krankheitszustandes eine eingeschränkte Ausgangsregelung haben, sind häufig sehr dankbar, die Möglichkeit eines begleiteten Ausgangs wahrnehmen zu können. Die Atmosphäre des Waldes wird dabei von den Patienten als besonders angenehm empfunden.

Bei privaten Recherchen zum Thema der Auswirkung von Wäldern auf die menschliche Gesundheit, bin ich eines Tages auf das Waldbaden gestoßen. Hierbei fand ich die Inspiration für meine Idee und begann mit den Überlegungen, ob sich das Waldbaden auch als ein pflegetherapeutisches Gruppenangebot eignen würde.

Da ich bereits seit 2016, gemeinsam mit zwei Kollegen, eine Qi-Gong Trainingseinheit als pflegetherapeutische Gruppe anbiete, besitze ich bereits Erfahrung im Anleiten und Durchführen von Gruppen. Ein paar der Übungen aus dem Qi-Gong lassen sich auch gut mit einbetten in das Waldbaden, um die Achtsamkeits- und Sinneswahrnehmung während des Bades zu unterstützen.

Die Idee und der Wunsch dieses als Praxisprojekt zu verwirklichen, festigte sich mehr und mehr, also entschied ich mich, die Idee in die Tat umzusetzen.

Nach intensiven Recherchen, Selbsterfahrungen und dem Erstellen eines Konzeptes zur Durchführung stellte ich meine Idee den Stationsleitungen, den Chefärztinnen, Oberärzten und der Chefpsychologin vor und bat darum, das Projekt durchführen zu dürfen. Nach dem „Okay“ bot ich das Waldbaden auf freiwilliger Basis an. Zunächst wöchentlich ein- bis zweimal. Insgesamt fand es bisher zwölf Mal statt.

Was die Auswahl an Übungen betraf, habe ich mich die ersten Male für wiederkehrende Übungen entschieden sowie für einen festen Ablauf. Zunächst bin ich mit den Teilnehmenden ganz langsam und achtsam in den Wald geschlendert. Dabei sollte jeder mit seinen Sinnen bei der Natur sein und schweigen. Anschließend erfolgte meist eine Atemübung. Dann gab es die Übung, bei der sich jeder Teilnehmer einen Gegenstand aussuchen sollte, den er auf dem Waldboden fand. Dieser Gegenstand sollte dann intensiv erkundet werden. Zur Unterstützung gab ich den Teilnehmenden Fragen mit auf den Erkundungsweg, wie zum Beispiel: Welche Strukturen des Gegenstandes, den sie ausgewählt haben, spüren Sie? Welche Gerüche gibt es zu entdecken? Wie fühlt es sich an, wenn man sich mit dem Gegenstand über die Haut streichelt? Welche Details gibt es zu entdecken? Was sieht man vielleicht noch in oder an ihm? Nach ca. fünf Minuten gab ich den Teilnehmenden die Möglichkeit, in den Austausch darüber zu gehen, welche Entdeckungen sie gemacht haben.

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Im weiteren Verlauf des Projekts brachte ich weitere Übungen mit ein, zum Beispiel eine Aktivierungsübung oder eine Übung, bei der man die Probleme und Sorgen, die einen beschäftigen, auf ein Laubblatt projiziert und dieses dann wohlwollend in einer kleinen selbstgegrabenen Kuhle vergräbt, mit der Vorstellung, dass Probleme kommen und gehen, genauso wie Jahreszeiten.

Anhand von Fragebögen evaluierte ich mein Praxisprojekt und war sehr überrascht über die vielen positiven Rückmeldungen.

Seit April versuche ich das Waldbaden wieder regelmäßig, einmal wöchentlich anzubieten, was bedingt durch den Schichtdienst nicht immer, aber häufig, gelingt. Seit Juli erhalte ich Unterstützung durch meinen Kollegen Ralf Pfennig, der dann ebenfalls das Waldbaden mit anbieten wird. Wir hoffen darauf, dass sich evtl. noch zwei weitere Kollegen finden, um die Gruppe weiterhin regelmäßig anbieten zu können.

Besonders danken möchte ich meinem Stationsleitungsteam Manuela Haas und Thomas Lindwedel für ihren Hilfe und Rückhalt bei der Organisation sowie meinem gesamten Team. Dr. Sabine Hoffmann (leitende Psychologin) und Gregor Schalper (Psychologischer Dienst) gilt ebenfalls besonderer Dank für ihr Vertrauen und ihren Zuspruch. Natürlich bin ich auch allen Teilnehmenden sehr dankbar, denn sie haben das Projekt so erfolgreich und besonders werden lassen.


Was ist Waldbaden überhaupt?

Im Jahre 1970 wurde der Akasawa Natural Recreational Forest zum ersten natürlichen Erholungswald Japans, durch das japanische Ministerium, für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei, erklärt. Dieser Wald gilt als die Wiege des Shinrin Yoku. In seiner Atmosphäre finden jährliche nationale Waldveranstaltungen statt. Es befinden sich mehrere Shinrin Yoku – Wanderwege in ihm, welche eine Länge von 1,5 km bis 3,5 km haben können.

Das Wort Waldbaden ist eine wortwörtliche Übersetzung des Begriffes Shinrin Yoku, welcher aus Japan stammt. Geprägt wurde der Begriff 1982 von Tomohide Akiyama, dem damaligen Leiter der japanischen Forstverwaltung.

Beim Waldbaden geht darum, die Atmosphäre des Waldes mit allen Sinnen wahrzunehmen. Man kann es auch als bewusstes Verweilen im Wald bezeichnen. Beim Praktizieren des Waldbadens läuft man ganz langsam, eher schlendernd und hält des Öfteren inne, um bewusst die visuellen, olfaktorischen, gustatorischen, akustischen und taktilen Reize des Waldes wahrzunehmen.

Zur Unterstützung des bewussten Wahrnehmens dieser Reize kann man verschiedenen Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen während des Waldbadens durchführen.

Vom japanischen Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei wurde in den Jahren 2004 bis 2007 ein Forschungsprojekt initiiert. Bei diesem Forschungsprojekt wurde untersucht, welche Auswirkung das Waldbaden auf die menschliche Gesundheit hat. Man kam zu den Ergebnissen, dass das Waldbaden zu einer Reduktion des Hormons Cortisol im Speichel führt, eine Senkung von Adrenalin und Noradreanalin bewirkt, den präfrontalen Kortex entlastet, den Blutdruck senkt, durch die Erhöhung des Hormons DHEA das Herz besser geschützt wird, es beruhigungs- und schlaffördernd wirkt und die körpereigene Abwehr stärkt.

In Japan gehört Schinrin Yoku mittlerweile zur allgemeinen Gesundheitsvorsorge als eine präventivmedizinische Behandlungsform und wird häufig auch als Waldtherapie bezeichnet. Die Anzahl der Ärzte, die eine Zusatzqualifikation in Waldmedizin erwerben, werden immer mehr.

Eric Böge stützt seine Aussagen über das Waldbaden auf die Aufführungen der Autoren Yoshifumi Miyazaki, Annette Bernjus und Anna Cavelius.