Gütesiegel PRAXIS VIELFALT

Das TWW bewirbt sich um das Gütesiegel PRAXIS VIELFALT – für Entstigmatiserung und Diskriminierungsfreiheit für LGBTIQ und HIV positive Personen in der klinischen Versorgung.

praxis-vielfalt

Alle drei Fachabteilungen der Kliniken im Theodor-Wenzel-Werk (TWW), also die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, die Abteilung für Psychosomatik und unsere Neurologie möchten sich in Zukunft noch mehr für Diskriminierungsfreiheit und LGBTIQ*-Freundlichkeit einsetzen und bewerben sich aus diesem Grund auf das Gütesiegel PRAXIS VIELFALT.

Die Deutsche AIDS-Hilfe zertifiziert mit dem PRAXIS VIELFALT-Gütesiegel „Arztpraxen und Versorgungseinrichtungen, die Menschen mit HIV sowie mit vielfältigen sexuellen, sprachlichen und kulturellen Hintergründen willkommen heißen, ihren Bedürfnissen gerecht werden und eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung sicherstellen“. Ursprünglich ist das Gütesiegel für Arztpraxen konzipiert worden. Mit der Infektiologie im St. Joseph-Krankenhaus Tempelhof hat sich jetzt jedoch auch die erste Krankenhausabteilung zertifizieren lassen.

Aktuell wird in den Kliniken im TWW ein multiprofessionelles Kernteam aus Mitarbeitenden der drei Fachabteilungen zusammengestellt. In einer Auftaktveranstaltung mit der Leiterin der Deutschen Aidshilfe, Frau Gronski, wird das Gütesiegel dann genauer vorgestellt und das weitere Vorgehen besprochen.

Warum ist das Thema so hochrelevant – woher kommt es, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität in solchem Maß gesellschaftlich und politisch diskutiert werden?

Tatsächlich zeigt sich, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität als einziges gesellschaftliches Phänomen eine enge Verbindung zwischen Religion, Gesetz und Medizin schaffen. In der Vergangenheit wurden Homosexualität und Trans*Identität (ebenso wie andere nicht cis-hetero-normative Orientierungen und Identitäten) in der Medizin zur Krankheit, in der Religion zur Sünde und im Gesetz zum Verbrechen erklärt. In Deutschland haben sich zwar mittlerweile in allen drei Dimensionen überwiegend schützende und akzeptierende Haltungen etabliert. Mit entsprechenden gesetzlichen Regelungen, zuletzt der Ehe für alle im Jahr 2017 und dem Verbot von Konversionsverfahren im vergangenen Jahr, sowie auf medizinischer Seite der Streichung entsprechender Diagnosen aus dem ICD 11 und der Entwicklung neuer S3-Leitlinien, sollen Schutz und Gleichberechtigung zunehmend fest in der Gesellschaft verankert werden.

Eine offene Auseinandersetzung und die proaktive Entwicklung neuer gleichberechtigender Strukturen sind notwendig.

Nur die Streichung von Diagnosen und die Verabschiedung von Gesetzen genügt aber nicht, um gesellschaftliche Haltungen und strukturell verankerte und internalisierte Diskriminierung zu verhindern. Vielmehr sind eine offene Auseinandersetzung und die proaktive Entwicklung neuer gleichberechtigender Strukturen notwendig.

Genauso wichtig ist der leider noch immer stattfindende diskriminierende Umgang mit HIV positiven Menschen. So hat sich erfreulicherweise diesbezüglich in den letzten 30 Jahren schon viel verbessert, nicht zuletzt durch die sehr erfolgreiche und stetige Arbeit der Deutschen Aidshilfe. Im Alltag sind es jedoch häufig auch die scheinbar sehr kleinen Dinge, die eine Stigmatisierung verstärken. Ferner gibt es trotz aller Aufklärung noch immer viele Unsicherheiten, wie mit Menschen mit HIV umgegangen werden soll.

Gerade in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung erlangt der Umgang mit den beschriebenen diskriminierenden und pathologisierenden Haltungen besondere Bedeutung. Die Therapiesituation zeichnet sich unter anderem durch eine besondere Vulnerabilität der betroffenen Personen aus, die eines geschützten und unvoreingenommenen Rahmens bedarf. Es ist mittlerweile vielfach belegt, dass LGBTIQ* Menschen sich psychotherapeutische Hilfe aus denselben Gründen suchen wie alle anderen. Die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität sind nur selten von zentraler, gelegentlich von marginaler Bedeutung für die Therapie und dürfen daher nicht zum diagnostischen Kriterium gemacht werden. Diagnosen müssen in jedem Fall an klinisch relevanten Symptomen gestellt werden.

Als Besonderheit ist allerdings zu beachten, dass LGBTIQ*-Personen signifikant häufiger psychisch erkranken und folglich auch Unterstützungs- und Behandlungsangebote in Anspruch nehmen. Zu erklären ist dieser Umstand aber nicht über Unterschiede in der Psychopathologie, sondern z.B. über die verstärkte Diskriminierungserfahrung, internalisierte Homo-/Transphobie, Gefühle der Scham, die sich aus dem gesellschaftlichen Druck ergeben.

Wie können wir also vor diesem Hintergrund das TWW (noch mehr) als diskriminierungsfreies Umfeld gestalten? Wie kann gerade die Psychiatrie als Institution ihrer Verpflichtung im Schutz von Menschenrechten gerecht werden?

Das Gütesiegel PRAXIS VIELFALT ist ein erster Schritt, um mehr Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema zu richten und als Team ein gemeinsames Konzept zu entwickeln, mit dem das TWW (noch mehr) zum Schutzraum für Angehörige marginalisierter Gruppen werden kann.


Ansprechpartner

Dr. med. Thomas HelmsLeitender Oberarzt Fachabteilung II Tel. (030) 8109-1321thomas.helms@tww-berlin.de
  • Facharzt für Nervenheilkunde, Zusatzbezeichnung Psychotherapie
  • Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
  • Station 6